Wenn ich im weiteren Verlauf das Wort »wir« benutze oder über »uns« schreibe, meine ich bezogen auf das jeweilige Verhalten oder den jeweiligen Umstand zumindest eine entscheidende Mehrheit. Ich selbst bin übrigens keine Ausnahme von diesem »Wir«, wie Sie aus so manchen, den Kapiteln vorangestellten Anekdoten aus meinem Leben ersehen können. Doch ich versuche beharrlich, zu verstehen, aus welchen Gründen auch ich immer wieder falsche Entscheidungen traf, wenn auch nur, um in Zukunft bessere treffen zu können – sehr wahrscheinlich gibt es nur deshalb dieses Buch. Es ist mein Versuch, eine grundlegende Antwort auf die Frage zu finden, weshalb mir und damit vermutlich auch uns, also einem Großteil der Menschheit, notwendige Veränderungen im Lebensstil so schwerfallen, wir gute Vorsätze immer wieder über den Haufen werfen oder eben schlichtweg zu selten die richtigen Entscheidungen treffen.
Eine zentrale Frage, die es zu beantworten gilt, lautet deshalb: »Wären Sie dazu bereit, Ihre derzeitige Lebensweise zu ändern, wenn sich herausstellen würde, dass diese auf Dauer (nicht sofort, da wäre die Antwort einfach) Ihr eigenes Leben und auch das Ihrer Kinder gefährdet?« Bei vielen Menschen wäre die Antwort auf diese Frage eher ein Nein (oder noch öfter ein Ja, das aber nie ernsthaft umgesetzt würde). Dass es sich insgesamt tatsächlich um die Mehrheit der Menschen handeln muss, sieht man im medizinischen Bereich. Schließlich ist nicht nur die Zerstörung unserer Umwelt und damit unserer Lebensgrundlage Folge menschlichen Verhaltens, sondern auch nahezu alle sogenannten Zivilisationskrankheiten wie Diabetes, Arteriosklerose mit Schlaganfall oder Herzinfarkt, Alzheimer und viele Arten von Krebs sind es. Doch obwohl die meisten Menschen an diesen an sich vermeidbaren Krankheiten leiden und letztendlich sterben werden, weil es für sie keine heilenden Medikamente gibt, sind die wenigsten dazu bereit, das Entstehen dieser Krankheiten durch rechtzeitige Änderung des Lebensstils zu verhindern. Offensichtlich sind also nicht einmal chronische Krankheit und verfrühter Tod Anreiz genug, lieb gewonnene, doch auf Dauer leidbringende Gewohnheiten aufzugeben. Bei einer derart selbstzerstörerischen Grundhaltung ist es nicht überraschend, dass auch keine Änderung der Lebensweise zu erwarten ist, wenn es um so generelle und abstrakte Dinge geht wie ökologisches Gleichgewicht oder faire Zukunftschancen für alle (!) Kinder dieser Erde. Warum ist das so? Haben die meisten Menschen ihre persönlichen Gründe dafür, sodass es nur ein Zufall ist, dass sich nahezu alle gleichförmig verhalten, oder findet sich eine eher grundlegende Erklärung dafür?
Änderung erfordert auf Sachkenntnis basierendes, alternatives Denken und Handeln. Doch bei immer mehr Menschen herrscht geradezu eine Angst vor Neuem und damit auch vor Veränderung, selbst wenn sie eigentlich dringend erforderlich wäre. Womöglich fehlt es auch an Kreativität und Vorstellungskraft, um sich eine alternative Lebensweise ausmalen zu können. Und selbst wenn die Notwendigkeit zur Änderung als unabdingbar erkannt wird, mangelt es dann an Willensstärke bei der Umsetzung. Die Angst zu überwinden und Neues zu wagen benötigt mentale Energie, die offensichtlich viel zu viele Menschen nicht aufbringen können. Um was für eine Energie mag es sich dabei handeln? In diesem Zusammenhang wurde ich einmal gefragt, ob unser Gehirn tatsächlich ermüden könne bzw. ob unsere Konzentration nachlasse, wenn wir geistig aktiv sind. Im ersten Moment war ich etwas perplex ob der Trivialität dieser Frage, schließlich müsste der Fragensteller, wenn es sich nicht um einen Außerirdischen handelt, dies selbst tagtäglich erleben. Doch ich antwortete einfach nur höflich, dass mentale Arbeit Energie benötigt, was der Grund dafür ist, dass wir uns auch immer wieder ausruhen und uns erholen müssen.
Aber etwas an der Frage nagte an mir, denn schließlich gilt diese Antwort nicht für das gesamte Gehirn. So reguliert beispielsweise ein Bereich unseres Gehirns die Atmung – ohne Unterbrechung und dennoch ohne dabei zu ermatten. Würde dieser Teil des Gehirns dieselbe mentale Energie benötigen, die unser Denken und Handeln braucht, drohte immer die Gefahr, dass wir aus Erschöpfung ersticken. Weshalb also, so die etwas spezifischere Frage, ermüdet unsere Entscheidungszentrale, die sich direkt hinter unserer »Denkerstirn« im sogenannten Frontalhirn befindet? Was für eine Energie verbraucht es, ohne die andere Bereiche des Gehirns, die ständig aktiv sein können, anscheinend mühelos auskommen?
In den letzten Jahrzehnten hat die psychologische Forschung herausgefunden, dass die unserem Frontalhirn zur Verfügung stehende mentale Energie tatsächlich limitiert ist. Dieses Limit beeinflusst unser Denken, Entscheiden und Handeln. Ist unser mentaler Energiespeicher leer, hat das nicht nur einen quantitativen Effekt, so wie bei einem Muskel, der, wenn es ihm an Energie mangelt, einfach weniger Last bewegen kann. Es hat auch qualitative Auswirkungen: Man ist weniger bereit, über den Tellerrand zu schauen. Stattdessen neigt man zu stereotypem Denken, ist in Routinen gefangen und verliert dabei eine Fähigkeit, die uns Menschen eigentlich auszeichnet, nämlich sich sinnvoll an sich verändernde Situationen anpassen zu können. Kreativität, Vorstellungskraft und Willensstärke sind vermindert, und sogar das Selbstwertgefühl leidet. Wissenschaftlich wird dieser Zustand als »Ego Depletion« bezeichnet, was nichts anders als »mentale Erschöpfung« bedeutet. Für den Beitrag dieser Erkenntnisse aus der psychologischen Forschung insbesondere zur Wirtschaftswissenschaft bezüglich »Beurteilungen und Entscheidungen bei Unsicherheit«, teilten sich im Jahr 2002 der israelisch-US-amerikanische Psychologe Daniel Kahneman und der US-amerikanische Ökonom Vernon L. Smith den Wirtschaftsnobelpreis. Unbeantwortet ließen die beiden jedoch die Frage, welcher Art diese mentale Energie ist, die unser Frontalhirn beim Entscheiden, aber eben auch für Kreativität, langfristiges Planen und Willenskraft zur Umsetzung von Zielen benötigt. Selbst nach ausführlichen Recherchen ist fast zwanzig Jahre später (Stand Januar 2022) diese entscheidende Frage immer noch offen, ebenso wie die Frage danach, wo in unserem Gehirn diese mentale Energie gespeichert wird.